Im Anschluss an die Sitzung des UdVA-Bundesvorstandes am 5. Oktober 2026 kam auch der Arbeitskreis „Netzwerk Deutsche aus Russland und Aussiedler“ zu einer digitalen Gesprächsrunde zusammen. Netzwerkvorsitzende Albina Nazarenus-Vetter konnte zahlreiche Mitstreiterinnen und Mitstreiter sowie als Gast den Präsidenten des Bundes der Vertriebenen und Bundestagsabgeordneten Stephan Mayer begrüßen.
Im Mittelpunkt des rund anderthalbstündigen Austausches standen aktuelle Anliegen aus dem Personenkreis. Dabei wurde deutlich: In der laufenden Legislaturperiode sind wichtige Themen im Koalitionsvertrag verankert worden; nun kommt es auf ihre konkrete Umsetzung an.
Erinnerung an Deportation stärker im öffentlichen Bewusstsein verankern
Einen ersten Schwerpunkt bildete im Jahr des 85. Jahrestages das Gedenken an die Deportation der Deutschen in der Sowjetunion. Mayer unterstrich, dass dieses besondere Kriegsfolgenschicksal noch immer viel zu wenig im allgemeinen Geschichtsbewusstsein verankert sei. Die Deportationen von 1941 und danach müssten stärker als Teil der deutschen Geschichte wahrgenommen und insbesondere auch im Schulunterricht behandelt werden.
Dabei gehe es zugleich um die Geschichte von Millionen Russlanddeutschen, die trotz Verfolgung, Entrechtung und jahrzehntelanger Diskriminierung an ihrer deutschen Identität festgehalten hätten und später in Deutschland eine enorme Integrations- und Aufbauleistung erbracht hätten.
Kulturarbeit nach § 96 BVFG verlässlich sichern
Breiten Raum nahm die Förderung der russlanddeutschen Kultur- und Erinnerungsarbeit ein. Am Beispiel des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold und des dort angesiedelten Kulturreferates wurde die Bedeutung verlässlicher Förderstrukturen hervorgehoben. Solche Einrichtungen seien nicht nur Orte der Bewahrung des kulturellen Erbes, sondern wichtige Vermittler in die Gemeinschaft der Russlanddeutschen ebenso wie in die Gesamtgesellschaft.
Mayer machte deutlich, dass die Kulturförderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz kein freiwilliger Zusatz sei, sondern auf einem gesetzlichen Auftrag von Bund und Ländern beruhe. Für die anstehenden Beratungen des Bundeshaushalts im Bundestag sei es wichtig, dass dieses und die weiteren, auch vom BdV vertretenen Themen mit im Fokus ständen.
Spätaussiedleraufnahme darf nicht an Sprachtests scheitern
Mit Sorge blickten die Teilnehmer auf den erheblichen Rückgang der Aufnahme- und Antragszahlen bei Spätaussiedlern. Zusätzliche Schwierigkeiten entstehen durch die Einstellung der Arbeit der Goethe-Institute in Russland. Damit ist eine zentrale Möglichkeit entfallen, die für das Aufnahmeverfahren erforderlichen Sprachkenntnisse nachzuweisen.
Diskutiert wurden deshalb verschiedene pragmatische Alternativen wie etwa digitale Sprachprüfungen oder Prüfungen über Vertretungen anderer europäischer Staaten. Sowohl UdVA als auch BdV hätten sich unter Einbeziehung des Aussiedlerbeauftragten, Dr. Bernd Fabritius, in der Sache bereit an die Bundesregierung gewandt. Es gelte zu verhindern, dass Russlanddeutsche und Aufnahmebewerber infolge der gegen Russland gerichteten Maßnahmen zusätzlich belastet würden. Ein bestehender Aufnahmeanspruch dürfe nicht daran scheitern, dass erforderliche Prüfungsstrukturen vor Ort wegfallen.
Perspektive für nach 1992 Geborene schaffen
Ein weiterer Schwerpunkt war die Situation der nach dem 31. Dezember 1992 geborenen deutschstämmigen Personen in den Aussiedlungsgebieten. Für sie sieht der Koalitionsvertrag die Prüfung von Möglichkeiten eines Zuzugs nach Deutschland vor.
Stephan Mayer warb vonseiten des BdV dafür, diesen Prüfauftrag in eine tragfähige und praxistaugliche Regelung zu überführen. Die besonderen historischen Bindungen und familiären Zusammenhänge dieses Personenkreises müssten berücksichtigt werden. Netzwerk und UdVA kündigten an, die Umsetzung dieses Vorhabens weiter eng begleiten.
Garantiefonds Hochschule und Integrationsarbeit erhalten
Große Sorge äußerten die Teilnehmer auch über die Zukunft des Garantiefonds Hochschule der Otto Benecke Stiftung. Das seit Jahrzehnten bestehende Programm hat insbesondere Spätaussiedlern, Geflüchteten und anderen jungen Zugewanderten den Weg in Studium und akademische Berufe erleichtert. Da die weitere Förderung über das Jahresende hinaus nicht gesichert ist, sei ein Einsatz in den parlamentarischen Haushaltsberatungen nötig.
Auch mögliche Kürzungen bei der Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte wurden angesprochen. Gerade der BdV und die betreffenden Landsmannschaften verfügen hier aufgrund ihrer jahrzehntelangen Erfahrung über besondere Kompetenzen – nicht zuletzt auch bei der Unterstützung von Menschen, die infolge des russischen Angriffskrieges aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind.
Fremdrentenrecht bleibt zentrale Herausforderung
Besonders intensiv wurde erneut über die rentenrechtliche Situation vieler Aussiedler und Spätaussiedler gesprochen. Mayer bezeichnete die bestehenden Benachteiligungen im Fremdrentenrecht als eines der schwierigsten ungelösten Themen.
Auch wenn eine umfassende Reform unter den gegenwärtigen finanziellen Rahmenbedingungen schwierig bleibe, dürfe dieses Anliegen nicht aufgegeben werden. Als konkreten Ansatz habe der BdV etwa die volle Anerkennung von Kindererziehungszeiten auch für Aussiedlerinnen und Spätaussiedlerinnen benannt.
Auch wenn eine umfassende Reform unter den gegenwärtigen finanziellen Rahmenbedingungen schwierig bleibe, dürfe dieses Anliegen nicht aufgegeben werden. Daneben wurde erörtert, ob Sozialversicherungs- und Amtshilfeabkommen mit Herkunftsstaaten zusätzliche Möglichkeiten eröffnen könnten, im Ausland erworbene Rentenansprüche leichter geltend zu machen.
Mehr Sichtbarkeit durch Beteiligung und politische Verantwortung
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die politische Repräsentation der Deutschen aus Russland und der Spätaussiedler. Albina Nazarenus-Vetter unterstrich die Bedeutung des Netzwerkes als Ort der Vernetzung und politischen Mitarbeit. Zugleich wurde darüber gesprochen, Menschen mit Aussiedlerbiografie stärker für politische Verantwortung zu gewinnen und ihre Erfahrungen auch bei der Aufstellung geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten einzubeziehen.
Der intensive Austausch machte deutlich, wie breit die Aufgabenpalette weiterhin ist. Zugleich bestehen mit der UdVA, dem Netzwerk Deutsche aus Russland und Aussiedler, der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und dem Beauftragten der Bundesregierung tragfähige Strukturen, um die Anliegen weiter voranzubringen.
Für die kommenden Monate wird es insbesondere auf die Haushaltsberatungen sowie auf die Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Vorhaben ankommen. Das Netzwerk wird diese Arbeit weiter konstruktiv und kritisch begleiten.



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